Mobbing am Arbeitsplatz: Wie das Mobbingtelefon Betroffenen hilft

Kennst Du das auch? Du scheinst bei der Arbeit nie etwas richtig zu machen, deine Leistungen werden nicht anerkannt, die Kolleg*innen tuscheln hinter deinem Rücken? Die Folgen von Mobbing am Arbeitsplatz sind oft gravierend: Angst zur Arbeit zu gehen, psychische und körperliche Probleme. Eine Art Erste Hilfe bietet das Mobbingtelefon. Was Mobbing bedeutet, wie es sich auswirkt und wie die Berater*innen helfen, erfährst Du im Interview mit Katja Stange und Maximilian Hesslein.
Laut einer Statistik waren 2021 29% der Deutschen von Mobbing betroffen. Erfahrungen von Schikanen am Arbeitsplatz begleiten Betroffene oft sehr lange. Katja Stange und Pfarrer Maximilian Hesslein sind beim Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt verantwortlich für die regionalen Beratungstelefone in Freiburg und Mannheim. Sie beantworten unsere Fragen.
Wie hilft das Mobbingtelefon?
Maximilian Heßlein: Das Mobbingtelefon bietet eine telefonische Erstberatung für Menschen, die in ihren Betrieben von eskalierenden Konflikten und Mobbing betroffen sind. Jede und jeder kann bei uns anrufen. Die Anrufenden müssen weder ihren Namen nennen, noch sagen, wo sie herkommen oder in welchem Betrieb sie arbeiten. Die Berater*in versucht Hilfestellung zu geben und sucht gemeinsam mit den Anrufenden nach möglichen Lösungswegen. Wir hören zu. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Denn viele Menschen haben niemanden mehr, der ihre Geschichte noch hören will.
Wann spricht man von Mobbing?
Katja Stange: Oft ist der erste Satz von Menschen, die bei uns anrufen „Ich werde gemobbt“. Wenn sich das so anfühlt, dann ist das erst mal eine Realität für den Anrufenden. Trotzdem versuchen wir erst mal zu schauen und zu sortieren, ob wir es hier mit Mobbing zu tun haben oder mit einem eskalierenden Konflikt. Mobbing ist ein Prozess. Wenn eine Person von einer anderen oder mehreren anderen Personen häufig über einen längeren Zeitraum systematisch erniedrigt, beleidigt, drangsaliert, ausgegrenzt, isoliert oder an der Arbeit gehindert wird, handelt es sich um Mobbing. Dabei spielt das Machtungleichgewicht eine Rolle. Das hat nicht unbedingt etwas mit Hierarchie zu tun. Macht wird auch ausgeübt, wenn von anderen Mitarbeitenden einer Person wichtige Informationen vorenthalten werden, die sie zur Erledigung ihrer Arbeit benötigt.
Wie verläuft der Beratungsprozess?
Maximilian Heßlein: Die Menschen, die bei uns anrufen, wünschen sich Hilfe in einer Situation, die die sie psychisch und häufig auch körperlich extrem belastet. Oft hören wir: „Ich werde gemobbt. Wie kann ich gegen die Person vorgehen, wo kann ich klagen?“ Wir versuchen dann gemeinsam mit den Betroffenen Lösungen zu entwickeln, ohne dass sie gleich den juristischen Weg beschreiten müssen. Rechtsberatung dürfen wir ohnehin nicht machen. Aber wir können Rat geben und andere Hilfsangebote vermitteln. Meistens gehen die Menschen erleichtert und mit neuen Ideen aus dem Gespräch. Die Gespräche sind absolut vertraulich, deshalb kann ich hier keinen konkreten Fall schildern.
Katja Stange: Nicht immer rufen Betroffene selbst an, hin und wieder sind es auch Angehörige, weil die Person sich nicht traut oder sich nicht selbst zu helfen weiß. Manchmal sind es auch Mitarbeitende, die im Kolleg*innenkreis Mobbing wahrnehmen oder – in selteneren Fällen – auch Vorgesetzte, die in ihrem Team etwas beobachten und nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.
Kann man sagen, von wem Mobbing ausgeht?
Katja Stange: Diejenigen, die Mobbing betreiben, wollen eine Person loswerden und setzen alles daran, das zu schaffen. Unsere Statistik aus dem letzten Jahr hat gezeigt, dass 60% Vorgesetzte allein oder mit anderen Mitarbeitenden beteiligt waren.
Haben Sie den Eindruck, dass Mobbing ein Phänomen ist, das zunimmt?
Maximilian Heßlein: Ich betreue jetzt seit drei Jahren das Mobbingtelefon Mannheim und kann sagen, dass das zunimmt. Es rufen mehr Menschen an und die Anzahl der Beratungsstunden wächst. Aber das ist nur ein Aspekt. Ich habe auch den Eindruck, dass das Betroffensein wächst. Die Menschen, die fortwährende Schikanen im Beruf erleben, sind bis ins Mark erschüttert. Arbeit ist identitätsstiftend. Wenn Menschen nicht mehr zurechtkommen und jeden Tag denken, „um Gottes Willen, ich muss da wieder hin“, dann geht das sehr tief. Die Menschen sind existentiell erschüttert und bedroht. Das wird sehr explizit geäußert, einzelne haben Gewaltfantasien.
Katja Stange: Durch die Sozialen Medien hat das auch sehr stark zugenommen: Cybermobbing hat in seiner Subtilität noch ganz andere Qualitäten. Handelnde versuchen unerkannt zu bleiben und das macht es noch schwieriger, damit umzugehen.
Hatten Sie schon besonders schwerwiegende Fälle?
Katja Stange: Es gibt Situationen, die mich ratlos und hilflos zurücklassen. Wir versuchen ja ganz stark Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Dazu gehört mit den Anrufenden zu schauen, wo es vielleicht ein Netzwerk gibt, wo es innerhalb oder außerhalb des Betriebs Unterstützungssysteme gibt. Wenn ich dann das Gefühl habe, eine Person kann da nirgends andocken und ich weiß, wenn sie jetzt auflegt, dann ist wieder allein mit allem, dann ist das schwer auszuhalten.
Wie gehen Sie damit um?
Katja Stange: Wir haben regelmäßige Supervisionen, wo wir so etwas ansprechen können. Unsere Berater*innen, die das ja in der Mehrheit ehrenamtlich machen, erhalten auch eine entsprechende Ausbildung. Zu den Inhalten gehören neben der Wissensvermittlung zu Konflikteskalation, Mobbing, etc. auch die wertschätzende neutrale Gesprächsführung.
Maximilian Heßlein: Unsere Beraterinnen und Berater sind in aller Regel vorgebildet, haben Personalvertretungserfahrung und kennen sich aus. Trotzdem ist es nicht immer einfach auszuhalten, dass man oft nicht weiß, wie eine Sache weitergeht, wenn die anrufende Person aufgelegt hat.
Wie lässt sich Mobbing verhindern?
Maximilian Heßlein: Führungskräfte sollten Mobbing konsequent unterbinden. Mit Mobbing kann man nicht umgehen, das muss man stoppen. Nur wenn es gestoppt wird, kann die Situation verbessert werden. Das müssen diejenigen tun, die von ihrer Stellung her dazu in der Lage sind. Wenn Führungskräfte das nicht tun, verschlimmern sie die Situation und stabilisieren das Ganze.
Katja Stange: Überall wo Menschen zusammenarbeiten, kann es zu Konflikten kommen. Deshalb sollte jeder Betrieb eine Konfliktkultur entwickeln und die Frage angehen, wie bestmöglich mit Konfliktsituationen umgegangen werden kann. Dann lassen sich Konflikte auch besser regulieren.
Es handelt sich um Probleme am Arbeitsplatz, warum engagiert sich Kirche beim Mobbingtelefon? Man könnte es doch auch ganz den anderen Beteiligten, z.B. den Gewerkschaften überlassen.
Maximilian Heßlein: Menschen, die von Mobbing betroffen sind, sind in einer Notlage, sie leiden. Es ist unser ureigener Auftrag als Kirche rauszugehen und sich um die Menschen zu kümmern. So verstehe ich meinen Auftrag. Um das aus einer geistlichen Perspektive zu sagen: Zu den Mühseligen und Beladenen sind wir geschickt. So wirken wir als Kirche auch über unser Kerngebiet hinaus und in die Gesellschaft hinein.
(26.02.2025)
Die Fragen stellte:
Weitere Informationen:
Regionale Beratungsstelle Mannheim: https://www.mobbingtelefon-ma.de/
Regionale Beratungsstelle Freiburg: https://www.mobbing-beratungstelefon.de/







